web 2.0 overkill
08. Jan
Kürzlich fragte mich ein Freund und langjähriger Geschäftspartner, ob ich Interesse hätte, an einem Projekt mitzuarbeiten. Klar. Warum nicht? Um was für ein Projekt handelt es sich denn? Entwickelt würde eine neuartige Community. Nach dem Vorbild StudiVZ, XING und anderen, nur mit noch mehr cooler Features, speziell auf die Zielgruppe abgestimmt, die Zielgruppe könne so eine Community sehr gut gebrauchen. Klingt sehr viel versprechend.
Ich stelle fest: Dieser Web2.0-Boom bestimmt mein Leben, wie kein Trend je zuvor. Neue Plattformen werden im Tagesrhythmus „relaunched“, jeder neu geschaffene Dienst bietet das (vermeidlich) schon immer herbeigesehnte und ist die Lösung vieler Probleme. Die neuartige Vernetzung vieler Millionen Menschen bringt viele neue Möglichkeiten – aber auch Probleme, die ich vorher nicht hatte.
Ich fange mal so an: vielleicht 10% meiner Freunde (oder lass es 20% sein) wissen konkret etwas mit den Begriffen Social Network und Web2.0 anzufangen bzw. nutzen Dienste und Portale, die sich diesen neuen Lebensweisen zusprechen.
Dann ist da noch mein Kopf. Er stellt meine persönliche Vernetzungszentrale dar. Er vernetzt mich mit meinen Freunden (webx.0-Usern), vernetzt mich mit meinem Computer, Handy, PDA und vernetzt mich mit den neuen Social Networks.
Damit ich Angebote wie twitter, Xing, Wikipedia oder Qype nutzen kann, muss ich mir natürlich ein Bild von einem Dienst machen, muss dessen Vorteile und Nutzen in meinem Kopf abspeichern und anschließend in meinen Alltag transferieren. Nun kann ich an gegebener Stelle darauf zurückgreifen und die Angebote nutzen. Genau hier liegt das Problem. Es gibt für jeden erdenklichen Furz mittlerweile vier verschiedene Plattformen, über die ich mich mit anderen Usern im Netz austauschen kann. Täglich erscheinen neue und melde ich mich mal nicht gleich an, so habe ich in der Szene „unglaublich was verpasst!“ bzw. den Nutzen „noch nicht erkannt“.
Die anfängliche Euphorie gegenüber neuartiger web2.0-Angebote ist bei mir mittlerweile stark eingeschränkt. Man könnte auch von einer Art gesättigter Lösung in meinem Kopf sprechen. So, als würde ich immer mehr, immer mehr AJAX in einen Eimer mit Wasser schütten. Irgendwann ist halt Schluss.
Der Aufschwung der vergangenen Monate, den wir hier in Deutschland verspüren ist unter anderen durch ein neues Qualitätsbewusstsein entstanden, welches die Menschen an den Tag gelegt haben und welches sie angespornt hat, wieder Produkte aus eigener Herstellung wertzuschätzen. Geiz ist nicht mehr geil und der Blick für’s Wesentliche hat uns wieder nach vorn gebracht. Ganz so wird es im neuartigen Web auch sein. Gewinner werden diejenigen sein, die den Blick fürs Wesentliche wahren. Meiner Meinung nach werden das all die sein, die in der Lage sind nur die web2.0-Trends mitzumachen, die wirklich Substanz und Zukunft haben und diejenigen, die es schaffen ihre Netzwerke im Kopf aufrecht zu erhalten und ihr Wissensschatz nicht komplett in irgendwelche Plattformen „outzusourcen“. Welche Netzwerke Substanz haben, wird sich zeigen. Hellsehen kann ich nicht.
Ich stimme für den Mut, nicht jeden Trend, jedes neue Portal zu nutzen ohne die Sorge zu haben, unglaublich was zu verpassen und widme mich lieber häufiger den „restlichen“ 80% meiner Freunde. Zum Beispiel auf ein gemütliches Feierabendbierchen ohne Computer, ohne WLAN, ohne Webcam und trotzdem mit Network.
Das Projekt habe ich übrigens abgelehnt.
[ebenfalls erschienen auf pl0g]
