Vier Wochen München

Vier Wochen München

31. Okt

Es ist tatsächlich schon der erste Monat rum, den ich hier in München verbracht habe. Meine Eindrücke über die Arbeit und die Stadt will ich hier mal in ein paar Sätzen Revue passieren lassen.

  • München ist keine Großstadt. Zumindest nicht gefühlt. Das wesentliche Leben spielt sich in einem Radius von etwa 3km um den Hauptbahnhof ab. Das Leben, was sich dort abspielt ist geprägt durch viele Touristen, teilweise spießigen Münchnern und wenigen kleinen Szenen, die sich aber stets touristentauglich darstellen.
  • In München spricht kaum jemand bayrisch
  • Es ist erstaunlich, wie kompliziert man öffentlichen Nahverkehr organisieren kann.
  • U-Bahn-Lokführer sind geschwätzige Menschen
  • Hier schließen die Geschäfte um 20 Uhr
  • Es gibt eine Polizeistunde
  • Nirgendwo sonst habe ich in kurzer Zeit so viele Bekannte zufällig auf der Straße oder in irgendwelchen Bars getroffen
  • Es gibt einen Apple-Store und es ist fast unmöglich den Laden zu verlassen, ohne etwas gekauft zu haben
  • Weißwurscht kann man auch noch nach 12 Uhr essen, ohne anschließend tot über den Zaun zu hängen
  • Brez‘n sind auch nicht mehr das, was sie mal waren
  • Mein Obermieter ist ein liebenswerter Mensch, trotz seines kleinen (Künstler-)Schadens
  • Kollegen sind nett, BMW ist ein gigantisches Unternehmen und konzerntypisch chaotisch
  • die BMW-Kantine ist groß, gut und teuer
  • Es gibt Kaffeeautomaten mit Kannenschaltung
Bekannt, sozial, verstorben.

Bekannt, sozial, verstorben.

11. Mai

Was tun, wenn einem Xing ankündigt, ein Kontakt habe bald Geburtstag, man aber weiß, dass dieser Kontakt vor kurzem bei einem tragischen Sportunfall ums Leben kam?

Auf der re:publica wurde dieses Thema während des Laberflashmobs noch scherzhaft thematisiert: Was tun, wenn mein Kontakt eines sozialen Netzwerkes verstirbt? Ich denke, nur weil das Publikum ausreichend jung war, war es möglich hierüber so scherzhaft zu debatieren. Ich fands auch lustig, obwohl – kein Scherz – ich an just diesem Morgen von dem Tod meines Bekannten erfahren hatte. Vermutlich eine Abwehrreaktion.

Der Gedanke ist auch absurd. Die Kontakte in der Timeline, auf facebook und Xing sind virtuell, trifft man sie in echt, sind sie es nicht mehr. Dass sich dieses Verhältnis verändern kann, kommt einem nicht in den Sinn. Plötzlich ist ein Kontakt nur noch virtuell. Die Unmöglichkeit des realen Erscheinens impliziert ein Social Network nicht und wenn doch, wird ein Profil gerne als “Fake” abgestempelt und gelöscht.

Was also tun mit Profilen verstorbener Leute? Löschen, weil es keine reale Person dahinter gibt? Den Betreiber der Plattform informieren? Aber man schmeißt doch die Fotos des Freundes auch nicht weg nach dessen Tod. Man behält sie, in stiller Erinnerung. Von mir gibt es im Netz mindestens genau so viele Fotos, wie in der Fotokiste meiner Mutter. Was, wenn mich das Zeitliche segnet? Ein großer Teil meines Ichs wären nur noch online verfügbar.

Aber was passiert in 100 Jahren? Dann sind wir, die das hier lesen, alle tod. Unsere Abermillionen Profile, die wir in mühevoller Kleinstarbeit angelegt und gepflegt haben, sind plötzlich nur noch virtuelle Relikte unserer selbst. Vielleicht sollte eine Konvention geschaffen werden, dass jedes neu geschaffene digitale soaziale Netzwerk einen virtuellen Friedhof bereithalten muss. Damit wir in Gedenken an unsere verstorbenen Freunde und Vorfahren, ihre bunten Profile dort niederlegen können.