BarCamp Jena – Diskutieren in einer anderen Sphäre
Am Wochenende um den 9. Februar besuchte ich mit Thomas und Marcel (eLearning2null-Blog) das BarCamp Mitteldeutschland in Jena – mein erstes BarCamp. Veranstaltungsort war die 27. Etage des Intershoptowers im Zentrum der “Stadt der Wissenschschaft“.
Mehr oder weniger wissenschaftlich ging es auf der Veranstaltung her, interessant und aufregend war es zu jeder Zeit. Diejenigen, die mit dem Begriff BarCamp nicht vertraut sind sei dies kurz erklärt: Ein BarCamp ist ein “Unkongress” mit offenen, partizipativen Veranstaltungen, deren Ablauf und Inhalte von den Teilnehmern bestimmt werden. Es werden keine Vorträge, sondern “Sessions” gehalten und man nutzt so das Potential, was auf herkömmlichen Kongressen in den Kaffeepausen entsteht und lässt daraus eine eigene Veranstaltung wachsen.
Ich glaube grundsätzlich hat man auf BarCamps mit einem Problem zu kämpfen: Es gibt mehr interessante Sessions, als man besuchen könnte. Man muss sich also entscheiden – meine Entscheidung brachte folgende fünf Sessions hervor:
Session 1: Recht im web2.0. Die einleitenden Worte und eine Vorgabe für Diskussionen gab RA Dr. Carsten Ulbricht vom rechtzweinull-Blog. Thematische drehte es sich um die Problematik, der sich jeder Betreiber von Websites mit User Generated Content auseinandersetzt – also auch jeder Blogger, jede Bloggerin.
Kernaussage war, dass man aufgrund des anonymen User Generated Content als Betreiber als “Mitstörer” von Geschädigten angesprochen werden kann. Dies ist zum Beispiel bei Persönlichkeitsverletzungen Dritter in Kommentaren eines Weblogs möglich. Aktuell hat Stefan Niggemeier eine Auseinandersetzung mit eben diesem Problem. Wichtig zu wissen ist es hierbei, dass man nur haftet, wenn man als Betreiber Kenntnis über den Rechtsverstoß hat. Als “normal”-Blogger sollte laut Dr. Carsten Ulbrich ein Zeitraum von 24 Stunden reichen, um auf rechtswidrige Kommentare zu reagieren und sie zu löschen. Im Fall von Niggemeier reichte allerdings ein Zeitraum von 7,5 Stunden nicht aus. Ursache hierfür lag in einem bewusst provokant geschriebenen Artikel, der angeblich dazu einlud, rechtswidrige (persönlichkeitsverletzende) Kommentare zu posten.
Abschließend gab Carsten noch ein paar Praxistipps: Zum einen sollte man sich mit der Thematik der “negativen Festestellungsklage” auseinandersetzen, wenn man zu unrecht abgemahnt wurde. Man hat dadurch den Vorteil sich ein Gericht auszusuchen, das verhandelt und kann somit Gerichte meiden, die in Vergangenheit durch besonders harte Urteile aufgefallen sind, wie z.B. das LG Hamburg.
Der zweite Teil der Session handelte von der Verwertung von User Generated Content. Ein spannendes Thema! Dazu hat Carsten aber selbst gerade einen Artikel veröffentlicht.
Session 2: Lustige Fragerunde zum Thema SEO. Die Session hielt Stefan Peter Roos von ProudMusic. Jeder durfte Fragen stellen und Stefan beantwortete fleißig.
- Domains. Mehrere Domains mit gleichem Content werden von Google nicht als Spam klassifiziert aber rauben sich u.U. gegenseitig Traffic. Sinnvoll bei doppeltem Content ist ein 301er Forwarding per htaccess. Duplicated Content ist in jedem Fall als schädlich anzusehen und sollte deshalb vermieden werden. Für Wordpress gibt es leistungsstarke PlugIns, die verhindern, dass Robots über verschiedene Pfade zu gleichem Content gelangen
- Webstandards. Sind zwar sinnvoll, für Google allerdings nicht primär wichtig
- Source-Sorting. Ist sinnvoll. Der Content mit relevanten Keywords sollte im Quellcode oben stehen.
- Longtails. Longtailanfragen aus Server-Logfiles sollte man ruhig beachten und versuchen sie durch Beiträge zu bedienen. Sie liefern langfristig höheren Traffic.
- <h>-Tags. Es gibt keine eindeutige Nachweise aber es ist möglich, dass h2- und h3-Headlines für Google relevanter sind, als h1-Headlines
- Vertragen sich Flash und SEO? Google wird schlauer und ist teilweise schon in der Lage Text aus Flash-Websites herauszufiltern und zu spidern. Allerdings steckt diese Technik noch in den Kinderschuhen. Wichtig ist zu beachten, dass die interne Linkstruktur dabei noch völlig missachtet wird
- Warum sind Blogs so hoch gerankt? Blogs machen vieles richtig bei der SEO. Wordpress macht selbst out of the box schon gute SEO. Dazu kommt, dass Google Aktualität der Artikel hoch bewertet. Generell bieten Blogs viel Content.
- Google abonniert RSS-Feeds. Durch die RSS-Feeds, die bei Blogs über neue Artikel informieren, sind die Einträge bei Google häufig sehr schnell gespidert. Das bedeutet für die Rankinganalyse eine hohe Autorität.
Session 3: Mobile Web 2.0. Initiator war Benno Bartels von insertEffect. Grundthematik der Session war “Was mach Sinn, was macht Spaß?”. Interessante Neuigkeiten für mich waren, dass es Dienste gibt, die als eine Art Mobile-Proxy dienen und sowohl teilweise optimierte Websites, als auch konventionelle Websites für Mobile Devices “herunterrechnen”. Dazu zählt z.B. Sevenval. Werde ich mir bei Gelegenheit mal genauer ansehen.
Des weiteren war mir bislang nicht so bewusst, dass Mobile Devices für die direkte Umsatzgenerierung durchaus geeignet sind, weil es durch die Bezahlung über die Telefonrechnung einen direkten Abrechnungskanal gibt.
Session 4: Widgets. Vorgetragen von Sven Dietrich von Qype. Eigentlich sollte es in der Session um die gewaltigen Möglichkeiten und Potentiale von Widgets gehen. Letztendlich war es aber mehr oder weniger eine Diskussion über das Geschäftsmodell von Juicywalls. Ein Anbieter zum Online-Designen seiner Tapeten. Interessantes aus dem Vortrag: Es gibt Webservices, die es einem ermöglichen Flashwidgets aus fremden Webangeboten zu basteln und die dann wiederum irgendwo einzubinden. Zum Beispiel im eigenen Blog oder als Application in Facebook. Solche Services sind: Widgetbox, Clearspring oder Sproutbuilder. Letzteres Tool befindet sich noch im Betastadium (wie so vieles im web2.0) und ist leider nur nach Invite zu benutzen. Sieht aber sehr viel versprechend aus, weil es einen WYSIWYG-Editor zur Erstellung der Widgets bietet.
Session 5: Social Project Management oder was ist so sinnvoll an der Inbox-zero? Gehalten von Mr. BarCamp-Jena himself: Lars Zapf. Das Thema ist viel zukomplex, um es hier zusammenzufassen. Nur so viel sei gesagt, dass es darauf hin abzielt, Hierarchien in Projektteams abzubauen und mithilfe von Webapplikationen sich im Team zu organisieren. Hinzu kommen Tipps gegen Faktoren, die einen vom Work-Flow ablenken, wie z.B. das häufige Abrufen von E-Mails. Das Ergebnis soll sein, dass man nur maximal zweimal am Tag seine Mails abruft (weg von push, hin zu pull), diese dann konzentriert abarbeitet und anschließend löscht, bzw. wegsortiert, sodass danach die Inbox keine Mail mehr aufweist. Sinn ist es, den “Bugwelleneffekt” zu verhindern, dass man ständig Aufgaben vor sich herschiebt, alles gleichzeitig macht und letztendlich nicht effektiv ist.
In jedem Fall ein interessanter Ansatz. Er löste allerdings – zu recht, wie ich finde – eine kontroverse Diskussion aus. Wie erkläre ich es meinen Kunden/Geschäftspartnern, dass ich meine Mails nun nur noch, sagen wir, um 12 und 16 Uhr abrufe? Nicht mehr permanent erreichbar bin? Und: Lasse ich mich wirklich von Mails ständig ablenken? Letztendlich kommt es wohl immer auf die persönliche Arbeitsweise an. Aber der Erfolg des Produktes Workity, welches genau diese Organisation unterstützt, spricht Bände.
Mein persönliches Fazit für dieses BarCamp fällt äußerst positiv aus. Selten zuvor habe ich in so kurzer Zeit so viele interessante neue Leute kennengelernt bzw. Leute, die man zuvor nur virtuell kannte, persönlich kennengelernt. Hinzu kamen überaus interessante Themen und Diskussionen, die ich gerne weiter geführt hätte. Dazu ist ja aber auch das web2.0 da, um diese Diskussionen weiter zu führen.
Nach der dritten Session hatte ich noch das Gefühl, ewig weitermachen zu können, wohingegen ich nach der fünften Session dann doch ziemlich in den Seilen hing. Bei nächster Gelegenheit möchte ich auf jeden Fall den BarCamp-Sonntag auch noch mitnehmen, was diesmal aufgrund anstehender Prüfungen leider nicht möglich war. Dort soll es nochmal sehr viel familiärer zugehen und noch mehr persönliche Gespräche zulassen. Dazu wird es in Zukunft eine Reihe von Möglichkeiten geben. Der BarCamp-Kalender ist rappelvoll.
Generell hat mir das BarCamp-Konzept sehr zugesagt. Diese gemütliche und unkomplizierte Atmosphäre ist sehr gesprächsfördernd und durch die vielen gleichgesinnten Leute hat man das Gefühl über alles reden zu können. Ich habe viele interessante Aspekte kennengelernt und wieder einmal mehr Motivation geschöpft, an meinen aktuellen Projekten engagiert weiterzuarbeiten, weil es offenbar immer Leute geben wird, die sich dafür interessieren. Eines dieser Projekte ist ja das EduCamp, für das wir natürlich sehr viele wichtige Eindrücke mitgenommen haben. Ich freue mich darauf, viele Leute vom BarCamp in Jena im April auf dem EduCamp wiederzusehen!




September 24th, 2008 at 20:26
danke für diesen überaus informativen Artikel!
Viele Grüße